Archiv für die Kategorie „Toast & Honig“

Mensch, Matzell!

Freitag, 11. Juni 2010

Wir dürfen uns den Marcel Guse als relativ arme Sau vorstellen. Wir wollen gar nicht mit ihm über die groben Stöße klagen, die das politische Leben als einziger rechtsextremer Stadtverordneter in einer Stadt mit einer so deutlichen parlamentarischen linken Mehrheit mit sich bringt – all das Niedergebrülltwerden, die Saalverweise, die tief und schmerzlich empfundene Einsamkeit, wenn sich nie ein anderer Arm mit der Stimmkarte für seine sorgsam ausgearbeiteten, mit arischem Blut geschriebenen Vorlagen in die Höhe reckt –; nein, über solch grobe, rüpelhafte Behandlung soll Klage hier nicht geführt werden. Denn was des Guses im Kern doch zarte Seele viel schwerer angeht, ist nun dies: Die schändliche Misshandlung seiner Muttersprache, die doch auch seine Vatersprache und damit die jenes Landes ist, für das sein Herzblut zu geben er sich im Weltnetz so emsig bereit erklärt. So jedenfalls lautet seine stete Klage, geführt nicht nur in eben jenem Weltnetze, sondern auch am beweglichen Telefon, wie kürzlich auf den Fluren des Rathauses zu vernehmen war. Über Anglizismen klagte er da, über das die Seele wenig bewegende Verwaltungssprech und ja, auch und gerade über die rhetorisch wenig anspruchsvollen Einlassungen, insbesondere der Linken. Geradezu gröblich werde er da zuweilen angeredet, selbst mit körperlicher Misshandlung ihm gedroht. In just diesem Moment war klar: Er hat ein empfindsames Gemüt, vielleicht sogar eine Dichterseele, der Marcel, die dicht unter der trutzig-nationalen Haut schlummert und von allem außer dem kunstvoll gedrechselten Worte schnell verletzt wird. Was für Qualen muss dieser Junge während seiner Jugend in Potsdam-Mittelmark gelitten haben, einer Region, in der er nur „Matzell“ gerufen wurde, wie hart müssen ihn die Lehrjahre im Bayrischen angekommen sein, wo die lokale Mundart vom Deutschen weiter entfernt ist als mancher südchinesische Dorfdialekt und wie selig muss ihn jenes ferne niedersächsische Exil gestimmt haben, in dem eine Weile zumindest Hochdeutsch seine Ohren erfreute. „Hoch“ und „deutsch“ in einem Wort, schon das ein Leckerbissen für den Gepeinigten. Unsägliche Qualen muss er auch leiden, wenn er – allein seiner Mission geschuldet – jene rechte Hetzpostille mit den seitenhohen Lettern buchstabiert, deren Konsum ihm 90 Prozent jeder Plenarsitzung so sichtlich verleidet. Tröstlich da, dass er sich im Weltnetz im hohen Dichterworte zu üben weiß, denn dort lesen wir von ihm Poetisches wie die Verneigung vor den Deutschen, die „im großen Völkerringen ihr Leben in die Waagschale legten. Ewig lebt der Toten Tatenruhm!“ Wohl gewählte Worte, Marcel. Und trotzdem bist Du eine arme Wurst, denn Du übersahst: Eine hirnrissige Weltsicht wird auch durch schöne Worte nicht wahrer.

Erschienen am 11.06.2010

Verbotsrepublik

Dienstag, 1. Juni 2010

Jan Bosschaart über den Wert der schieren Möglichkeit, ein Bier am Bahnhof zu trinken

Wie oft dürfte es dem Durchschnittspotsdamer passieren, dass er, ein Bier trinkend, über den Bahnhofsvorplatz schlendert? Selten. Und trotzdem hinterlässt der jüngste Vorstoß, dort mit einem Alkoholverbot für Gesetz und Ordnung zu sorgen, ein ungutes Gefühl. Ja, pöbelnde, betrunkene Horden sind unangenehm, und ebenso sind es die Scherben und erst recht die organischen Reste der Zechgelage. Und sicher würden die meisten Menschen nie von diesem Verbot beeinträchtigt, da ja der Bahnhofsvorplatz auch nicht eben das hat, was Städteplaner gern eine „Aufenthaltsqualität“ nennen, so dass man gern dort den Sonnenuntergang beim Feierabendbier genösse. Diese Qualität bekäme er auch nicht, wenn dort niemand mehr tränke. Trotzdem ist das angepeilte Verbot einer jener phantasielosen Vorstöße, die geneigt sind, die Verbotsrepublik Deutschland ein kleines Stück weiter zu zementieren. Sollte also doch einmal jener unwahrscheinliche Fall eintreten, dass den Durchschnittreisenden der unwiderstehliche Drang nach einem Bier überfiele, dann hinterließe die sofort einschreitende Ordnungsmacht einen Nachgeschmack, gegen den eine Bierpfütze vom Vorabend wie Veilchen duftet. Ob ihm dieses Stück persönlicher Freiheit wichtiger ist als ein entpöbelter, sauberer Vorplatz, muss freilich jeder für sich entscheiden.

Erschienen am 01.06.2010

„Clever, oder?“

Freitag, 7. Mai 2010

Satire: Ein Interview mit Staatssekretär Steffen Kampeter zum Griebnitzseeufer, das nie stattgefunden hat

Steffen Kampeter (CDU) ist Staatssekretär im Finanzministerium. Jan Bosschaart hätte gern mit ihm über den Uferweg gesprochen.

MAZ: Herr Kampeter, seit Wochen bitten wir um ein Interview, aber Sie haben partout keine Zeit. Wir haben daher beschlossen, uns nicht nur ein paar Fragen, sondern gleich auch Ihre Antworten auszudenken. Geht das in Ordnung?
Steffen Kampeter: Lieb ist mir das nicht, aber ich kann wohl wenig dagegen tun. Also fangen Sie schon an.

Danke! Sie haben sich im Bundestag schon 2005 für den Griebnitzsee interessiert, da waren sie noch einfacher Abgeordneter aus Minden/Westfalen – woher das Engagement?
Kampeter: Das hat mit meinem alten Kumpel Balthy zu tun. Balthasar Schramm. Der wohnt am Uferweg. Wir kennen uns noch aus meiner Lobbyisten-Zeit: Er war als Sony-Chef ein hohes Tier in der Musikindustrie, ich Vorsitzender des Dialogforums Musikwirtschaft der CDU. Waren tolle Tage, damals, nur wurde der Balthy immer trauriger. „Steffen“, seufzte er im Sonnenuntergang beim Wein auf seiner Seeterrasse, „da unten laufen Leute über mein Grundstück, du musst was tun.“

Ihre kleine Anfrage im Bundestag blieb ohne große Wirkung.
Kampeter: Ja, aber der Balthy hat sich letztlich selbst helfen können. Gott sei Dank verboten die Richter am Oberlandesgericht ja den Pöbel zwischen Terrasse und Bootssteg.

Doch jetzt können Sie wirklich helfen …
Kampeter: Genau! Die Stadt will 3,2 Hektar Uferland vom Bund kaufen, um ihre Ausgangsposition im Streit um den Weg zu verbessern. Der Deal wäre um ein Haar durchgewesen. Mittlerweile bin ich aber Staatssekretär. Mein Minister hat mit Griechenland zu tun, da konnte ich den Verkauf an die Stadt stoppen – wegen Haushaltsbedenken. Clever, oder?

Sie wollen, dass der Bund die Grundstücke am Markt anbietet, damit eine interessierte Sperrergruppe kaufen kann?
Kampeter: Stimmt. Glücklicherweise sind sogar ein paar Argumente auf unserer Seite: Schließlich verdient der Bund dann mehr. Die klamme Stadt kann nicht mitpokern. Der Weg wäre damit erledigt.

Dumm nur, dass die Haushaltsordnung ihres Ministeriums den Kommunen bei Eigeninteresse ein Vorrecht beim Flächenkauf einräumt.
Kampeter: Ach wissen Sie, Papier ist geduldig. Hinter echte Männerfreundschaft müssen Richtlinien mal zurücktreten. Schon der Name „Richtlinie“ deutet ja an, dass man sich danach „richten“ kann und nicht sklavisch jeden Buchstaben befolgen muss. Auf Linien kann man in gegensätzlichen Richtungen gehen, und man kann Richtlinien abändern. Alles kein Problem.

Und das Gutachten dieses Professors aus Speyer, das die Rechtsauffassung der Stadt in der Kauffrage stützt?
Kampeter: … ist rausgeworfenes Geld. Wir können flugs zwei Gegengutachten zaubern. Die Stadt täte besser daran, ihr bisschen Kohle für andere Zwecke einzusetzen.

Tja, dann danke für dieses sehr offene Gespräch!
Kampeter: Gern! Tat gut, so ungeschminkt zu reden.

Erschienen am 07.05.2010

Gleichgestellt

Freitag, 23. April 2010

Jan Bosschaart über Girls, Boys und die Zukunft des Zukunftstages

Das war ja zu erwarten: Wenn alles durchgegendert ist, sucht sich der Gleichstellungswahn ein neues Opfer und irgendjemand merkt, dass nun ja die Jungs benachteiligt seien, wenn Mädchen so gefördert werden. In Berlin hat es jetzt unser aller Bundesfamilienministerin geahnt und ausgerufen, zum jährlichen „Girls Day“ zur Förderung des Berufseinstiegs von Mädchen in Männerberufe, soll künftig gleichberechtigt auch ein „Boys Day“ gestellt werden. Schließlich drängen sicher genau so viele Jungen ins Krankenschwestern- und Grundschulfach, wie Mädchen die Piloten- und Hufschmiedkarriere vorenthalten wird. Brandenburg ist da schon seit längerem weiter – dank Ostsozialisation? –, denn hier heißt der „Girls Day“ seit einiger Zeit „Zukunftstag“ und richtet sich ausdrücklich an Mädchen und Jungen. Und das nicht nur auf dem Papier: Die Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg hatte gestern Mitleid mit dem phantasie- und gefühllosen Geschlecht und ließ zum Schauspielworkshop nur Jungen zu. Für den entsprechenden Studiengang der HFF bewerben sich nämlich fast nur Frauen. Die mussten hingegen mit den harten Fächern Sounddesign vorlieb nehmen und rostige Ölfässer vor Maschinengewehren in die Luft stemmen. Es lebe die Gleichstellung!

Erschienen am 23.04.2010

Was bleibt: Verwirrungsstrategie

Donnerstag, 22. April 2010

Jetzt soll’s also Frau Richstein richten. Die hatte ja schon im September den richtigen Riecher, als sie mit ihrem Terrier Felix statt des eigenen Antlitzes auf ihren Wahlplakaten SPD-Minister Rainer Speer eine empfindliche Schlappe zufügte. Hübsch gewählt: Bissiger Hund, glücklicher Name. Jetzt soll Richstein, so das Kalkül der CDU, Oberbürgermeister Jann Jakobs im Wahlkampf jene Angst einflößen, die der eigentlich nur vor seinem Linken-Herausforderer Hans-Jürgen Scharfenberg hat. Die Idee: Wer einen SPD-Mann besiegt, besiegt auch andere. Und weil so ein bisschen oberbürgermeistern eine Powerfrau wie Barbara Richstein unmöglich ausfüllen kann – mit dem bisschen Rathaus ist man ja mittags fertig – bewirbt sie sich zugleich auch noch um den Parteivorsitz im Land, um auch die Nachmittage zu füllen. Die dafür eigentlich vorgesehene Parteifreundin Saskia Ludwig ist schließlich demnächst mit ihrem Erstgeborenen befasst und kann dann unmöglich Partei und Fraktion zugleich führen, neben der ganzen Windelwechselei. Soweit, so bissig. Das bisschen Gassigehen mit Felix lässt sich da sicher noch verquetschen – etwa auf dem Weg vom Stadthaus in den Landtag, mittags, beim Schichtwechsel.
Zu einem solchen Zweitjob rät ohnehin eine genaue Beobachtung der Stadt-CDU. Die säbelt nämlich schon mal aus heiterem Himmel verdiente Mitarbeiter aus exponierten Positionen ab, wie Stadtpartei-Urgestein Wolfgang Cornelius kürzlich leidvoll erfahren musste. Täte die Partei das auch mit ihrer Bürgermeisterin, könnte Richstein als Parteichefin hernach die Meuterer herauskatapultieren. Schlau, die Frau. Hintergrund all dieser Volten scheint ohnehin die nach wie vor nicht überwundene Lagerbildung in der CDU zu sein, die selbst für außenstehende Insider, vulgo: Journalisten, kaum mehr zu überblicken ist. Cornelius etwa wurde geschasst, weil er als Anhänger der Kreischefin Katherina Reiche gilt, die wiederum dem Lager ihres Ehemannes Sven Petke angehört. Der wiederum ist der Antipode des Ex-Parteivorsitzenden Ulrich Junghanns. Auf den folgte Johanna Wanka, die nun nach Niedersachsen wechselt, um dort Wissenschaftsministerin zu werden. Die Opposition hier lag ihr nicht so. Wanka galt zwar als lagerübergreifende Kandidatin, hatte aber ein angespanntes Verhältnis zum Petke-Reiche-Lager. Barbara Richstein wiederum wird eben diesem Lager zugerechnet, folglich müsste die Stadtfraktion mit ihrer eigenen Bürgermeisterkandidatin ein Problem haben. Testfrage: Welchem Lager gehört wer in der Stadtfraktion an? Das verspricht ein lustiger Wahlkampf zu werden. Zumal die FDP ohnehin beleidigt ist, dass man keinen gemeinsamen Kandidaten fand und eventuell die Gefolgschaft verweigert. Aber vielleicht ist das alles auch nur eine clevere, großangelegte Verwirrungsstrategie, um die Gegenseite in Sicherheit zu wiegen. Falls ja: Sie funktioniert. Das Händereiben bei den Linken ist unüberhörbar.

Erschienen am 22.04.2010

Was bleibt: Kleine Diktaturenkunde

Donnerstag, 8. April 2010

Es scheint, als ginge bei dräuendem Erfolg in Uferwegdingen mit Rechtsanwälten gern mal die Historie durch. Unvergessen der Auftritt des Reiner Geulen vor dem Oberverwaltungsgericht im Mai letzten Jahres, kurz bevor das Gericht der Stadt am Griebnitzsee die zweite kapitale Klatsche zumutete und Geulens wegsperrenden Mandanten einen Erfolg bescherte: Da stand der Anwalt im Gerichtssaal, hochrot, drehte sich zum Publikum statt zum Richter, hob den pädagogischen Zeigefinger und ließ erstmal laufen: In Potsdam seien „seit 20 Jahren die Uhren stehen geblieben“, es herrsche ein „post-sozialistischer Eigentumsbegriff“ in der „ideologisch verblendeten“ Stadt, die noch „die DDR in den Knochen“ habe, ja ein einziges „sozialistisches Biotop“ sei. Solche Ergüsse kommen meist davon, dass der Sprecher es beim Potsdam-Besuch nur vom Hauptbahnhof bis zum Schlaatz geschafft hat, statt auch mal in der Berliner und Nauener Vorstadt vorbeizuschauen.
Als zweiten hat es nun offenbar Christoph Partsch erwischt, der bislang als eher kühler Stratege galt. In seiner Wut über die „zu lange Untätigkeit“ der Polizei bei den Ostermontags-Protesten vor den Grundstücken seiner wegsperrenden Mandanten in Groß Glienicke ließ er multimedial die Worte fahren, dies habe „anscheinend Tradition“ und erinnere „an die Zeit zwischen 33 und 45“. Etwas mehr Abstimmung dürfte man da schon verlangen, schließlich betreuen beide Herren zwar unterschiedliche Mandanten, aber mit dem gleichen Ziel – der gern zitierten nachhaltigen Entfernung des Pöbels aus der Sichtachse Kaffeetasse – Bootssteg. Da sollte es doch möglich sein, sich auf eine deutsche Diktatur zu einigen. Zumal beide Regime nach kurzer Einarbeitungszeit doch recht gut unterscheidbar sind: Holocaust, Weltkrieg, Atombombe und so: 33-45. Mauer, Stasi & Pioniergeburtstag: DDR.
So gesehen hat dann eher der Herr Geulen recht, denn mit Aussperrungen, Mauern und Grenzposten haben die Uferwege in jeder Beziehung mehr zu tun als mit Atombomben und Weltkriegen. Mit Sozialismus allerdings weniger, und engagiert protestiert wurde zu DDR-Zeiten ja auch erst kurz vor Schluss (fragen Sie mal den Baudezernenten!).
Sie werden ihre Diktaturenvergleiche ohnehin nicht glauben, die Herren Advokaten. Partsch ist mehrfach als Verfasser kluger Artikel über den Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit getreten, Geulen hat entscheidenden Anteil am Sieg der Bürgerinitiative gegen das Bombodrom in der Kyritzer Heide – eines der linken Vorzeigeprojekte. Viel wahrscheinlicher ist, dass die gezielten Provokation die Stimmungen schüren sollen – medial funktioniert das ja schon bestens. Dass es am Ende auch den Schürern nützt, ist hingegen zweifelhaft. Über vorschnelle NS- und DDR-Vergleiche ist schon mancher böse gestolpert.

Erschienen am 08.04.2010

Heulen und Wehklagen

Samstag, 27. Februar 2010

Jan Bosschaart über die vermutlich letzte Zumutung dieses Winters

Da wird sich nun bald erheben ein gewaltiges Wehklagen an den Stammtischen und an den aufgeplatzten Straßen, und das Volk Potsdams wird sagen: Siehe, da hat nun diese Stadt den Winterdienst vernachlässigt und die Glätte am Ende auch noch mit schnödem Splitte bekämpft, und nun sollen auch noch wir, die wir unter diesen Mängeln gelitten, zum Besen greifen, und die Malaise, die von uns nicht verursacht, nicht nur bezahlen, sondern mit der eigenen Muskelkraft beseitigen helfen. Doch all der biblische Zorn ist vergebens: Der Winter war nun einmal, wie er war, und was am Winterdienst nicht funktionierte, will die Stadt in einer neuen Ausschreibung korrigieren. Was bleibt, sind außer einer Menge teurer Erfahrungen über die Physik schwerer Körper auf Eis und gut gefüllten Leserbriefspalten die Überreste von Silvester und von Streubemühungen aus einer Zeit, da das Salz zu Ende war. Diese Reste können die Stadtentsorger zwar aufsaugen, wegwischen und an den Rand fegen, ohne den beherzten Einsatz der Anlieger an Besen und Schaufel werden sie aber nicht zu beseitigen sein. Immerhin dürfte es die letzte Investition an Muskelkraft im Kampf gegen den Winter werden. Und gegen angestaute Wut hilft sportliche Betätigung bekanntlich auch. Ganz im Ernst.

Erschienen am 27.02.2010

„Was für ein mieser Tag!“

Donnerstag, 25. Februar 2010

Liebes Tagebuch! Tut mir wirklich leid, dass ich Dich aus Deinem Winterschlaf reiße: dienstliche Anordnung. Ich darf jetzt nicht mehr mailen, wenn mich was bedrückt. Weil die Presse komischerweise von meinem Ärger über die Bibliothek Wind bekam. Die einen empfingen eine private Mail, die anderen eine versehentliche Weiterleitung aus dem Grünen-Verteiler. Blöd, das. Dabei wollte ich mich doch dazu gar nicht mehr äußern.
Liebes Tagebuch, war das ein mieser Tag gestern! So hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich mich vor einem Jahr um den Posten des Baubeigeordneten bewarb. Ich wollte eigentlich von allen gemocht, ach was, geliebt werden, egal, was ich tue. Dass ich das in einem Ressort wollte, das nur mit paramilitärischen Mitteln zu überleben ist, machte die Sache nur reizvoller. Und nun so ein Tag: Gleich morgens zerrte mich ein Fachbereichsleiter zum zweiten Mal vor den Kadi, weil er partout nicht einsehen mag, dass ich einen Sündenbock für die Kosten an der Humboldtbrücke brauche. Ständig belegt er mir, dass ihn keine Schuld trifft. Habe ihm ausführlich erklärt, dass die Beliebtheit des Chefs Opfer von den Untergebenen mit Zeitvertrag verlangt, aber der sture Kerl sieht das nicht ein. Und bekommt Recht! Für solches Recht bin ich 1989 aber nicht auf die Straße gegangen! Im Hauptausschuss ging’s weiter. Mein Hinterkopf ist schon ganz flach von den Schlägen, wenn ich was zur Bibliothek sage. Dabei habe ich immer für Meinungsfreiheit demonstriert, seinerzeit.
Liebes Tagebuch, und das Schlimmste, das ist diese Presse. Als sie was vom „Obama der Bauverwaltung“ schrieben, habe ich mich wirklich gefreut. Sehr. Die hatten mich verstanden. Meine Sekretärin hat zwar gesagt, das sei ironisch, aber die ist nur neidisch. Die sagt mir ja auch nicht, wenn ich morgens im Büro noch die Fahrradklammer am Hosenbein habe. Doch seither mischen die sich in alles ein, diese Schreiber und Filmer und Knipser. Ich kann keine Mitarbeiter schassen, ich kann nicht mal mittelfristig den Autoverkehr lahmlegen, ohne dass sich einer gleich am nächsten Tag darüber aufregt.
Das ärgert mich, das verletzt mich, und natürlich habe ich für sowas nicht demonstriert, damals, ’89. Dauernd rühren die mir meine Ankündigungen aus der Zeit vor dem Amtsantritt unter: Transparenz, Gleichbehandlung, Überparteilichkeit und so. Die müssten doch wissen, wie das läuft, schreiben doch auch täglich viel, was tags darauf keinen mehr kümmert.
Am allerschlimmsten aber ist die Linke. Wenn der Jäkel im Bauausschuss ansetzt, bin ich schon auf der Palme, bevor das erste Wort auf mein Trommelfell trifft. Und dann sitzt der da und feixt. Das macht der mit Absicht! Ich wette, der hatte 1989 nicht ein einziges Mal ein Plakat in der Hand – und für sowas haben wir damals… Was soll’s: Wenn das so weitergeht, werfe ich irgendwann einfach die Sandförmchen hin und gehe. Dann darf ich auch endlich wieder mailen. Ähm… nix für ungut, liebes Tagebuch: Dein Matze Klipp

Erschienen am 25.02.2010

Kulka erläutert Schlosspläne

Donnerstag, 25. Februar 2010

Stadtentwicklung: Mitteschön fordert weiter / Architekt wütend / Ausschuss moderiert

POTSDAM |  Für einen Moment stand Peter Kulka kurz vor der Explosion. Der Architekt des Landtagsschlosses hat sich noch nicht an die typische Potsdamer Debattierfreude von Bauvorhaben gewöhnt, und eine an sich harmlose Frage im Bauausschuss machte Kulka sichtlich wütend. Eigentlich wollte Ausschuss-Mitglied Christian Seidel (SPD) nur wissen, welches Maß Kulka zum Anlass nahm, die Seitenflügel des künftigen Landtages zu verbreitern. Kulka aber, offenbar über einen weiteren Forderungskatalog der Bürgerinitiative „Mitteschön“ erbost, rief plötzlich etwas von „Polemik“ in den Raum und erinnerte daran, dass er auf Wunsch von Mitteschön bereits die Fenster auf seine Kosten umgeplant habe – „nachträglich, eigentlich war es schon zu spät“ –, und verkündete, wenn man wolle, dass er das Handtuch werfe, solle man nur so weitermachen. Erst ein besänftigender Zwischenruf des stets auf Ausgleich bedachten Ausschuss-Vorsitzenden beruhigte den aufgebrachten Stararchitekten wieder, dem der Bauausschuss mehr als eine Stunde Redezeit einräumte, um das Projekt vorzustellen. Kulka holte weit aus, ordnete das Vorhaben in seine bisherige Arbeit ein, erklärte, dass der Landtag innen in weiten Teilen ein Bürogebäude werde, sprach über die Notwendigkeit, Teile der Originalfassade in die zu rekonstruierende Fassade aufzunehmen, um der Gefahr der „Pappigkeit, Künstlichkeit und Unehrlichkeit“ entgegenzuwirken und wurde nicht müde, zu unterstreichen, dass er die Bürgerwünsche zu den Fensterlösungen „freiwillig“, „auf eigene Kosten“ und „sehr spät“ noch aufnahm, „obwohl die Pläne längst fertig waren“. Er kündigte zudem eine Schaustelle an, einen Pavillon in den Landesfarben, mit Rampen ringsherum, der mit einer Ausstellung über das Originalschloss und das Bauvorhaben informiert und zudem eine Plattform bereitstellt, von der die Baustelle zu überblicken ist.
Barbara Kuster von Mitteschön freute sich daraufhin öffentlich über die erfolgten Änderungen, um sofort einen weiteren seitlichen Durchgang zu fordern, da ansonsten der Alte Markt lahmgelegt sei. Außerdem werde die Außenfassade nicht original sein, die Knobelsdorffsche Asymmetrie fehle, und es würden zu wenig Originalteile eingebaut, klagte sie. Sie fürchte daher um Plattners Spende. Ein zweiter Redner hätte gern die Rampe zur Tiefgarage verlegt oder ganz verschwunden gesehen. Der Ausschuss beeilte sich nun, zu erklären, dass diese Diskussionen doch längst geführt seien, bevor Kulka wieder mit dem Handtuchwurf drohen konnte. Saskia Hüneke versicherte gar, sie habe „lustvolle Momente“ beim Betrachten der Entwürfe, und Baudezernent Klipp sagte, die Baugenehmigung stehe unmittelbar bevor. Lediglich, dass Saskia Hüneke anmerkte, es sei „nie zu spät für Anmerkungen“, weil doch die Entwürfe so lange nichtöffentlich waren, ließ Peter Kulkas Halsschlagader noch einmal kurz anschwellen. Dank des warmen Applauses endete der Tagesordnungspunkt aber ohne weitere Kollateralschäden.

Erschienen am 25.02.2010

Überfällig

Montag, 15. Februar 2010

Jan Bosschaart über die Beteiligung der Jugend an städtischen Projekten

Wer zuviel Grönemeyers „Kinder an die Macht“ gehört hat, könnte auf den Gedanken verfallen, wir hätten es mit einer blühenden, pazifistischen, glücklichen Welt ohne Ungleichbehandlung, Egoismen und Konflikte zu tun, wenn die Jüngsten das Steuer übernähmen. Wer aber mal 20 Minuten im Kindergarten neben dem Buddelkasten gesessen hat, weiß, dass das nicht stimmt – und dass an manchen Tagen das Rathaus, die Stadtverordnetenversammlung, der Oberbürgermeisterwahlkampf und diverse Pressekonferenzen die Fortsetzung des Buddelkastens mit anderen Mitteln sind: mit der gleichen Heimtücke und dem gleichen Egoismus, aber verfeinerten Werkzeugen wie gezielter Intelligenz, viel Lebenserfahrung und großen Netzwerken im Hintergrund. Daraus nun wiederum abzuleiten, die Kinder müssten nicht beteiligt werden, wäre allerdings auch ein Fehler: Wann immer es um ihre Belange geht, sollte Kinder und Jugendliche gehört werden, und weil sich selbst talentierte 14-Jährige wohl nur schwerlich für Verwaltungsvorlagen, Kommunalverfassung und Straßenausbaubeitragssatzung begeistern können, ist die richtige Methodik in diesem Fall mindestens genau so wichtig wie das Vorhaben an sich. In der „kinderfreundlichsten Stadt“ allzumal.

Erschienen am 15.02.2010


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